Frauen töten auch

Sabine Obermayr-Adamzek

 (Erschienen im Bert Hellinger Magazin, Niederlande 2013)

 

„Frauen töten auch“ ist kein Satz von dem man annimmt, dass sich dahinter eine erhebende Geschichte versteckt. Und doch ist er verantwortlich für noch nie erlebte Entspannung, Ruhe und Fröhlichkeit in mir und meiner Familie. Er verkörpert den

Schlussstein einer jahrelangen Suche nach den Ursachen des Verhaltens und den Lernschwierigkeiten unseres Sohnes. Er erklärt für mich auch viele der Spannungen, welche zwischen meinem Mann und mir, zwischen unseren zwei Kindern , zwischen unserer Familie und der Außenwelt ( Schule, Freundschaften und am Arbeitsplatz) immer wieder auftraten.

Das Böse

Das Böse ist relativ, das weiß ich unterdessen , nachdem  ich mich schon mehrere Jahrzehnte mit menschlichen Gefühlen, Verhaltensweisen und Wahrnehmung auseinandersetze. Es erscheint in allen Farben und Formen und ist nicht immer das Gegenteil vom Guten. Auf der Seelenebene gibt es keine Moral. Wie derjenige, der das Gegenüber als das Böse bezeichnet, die Wirklichkeit um sich herum wahrnimmt, wie seine Wertvorstellungen und Normen in seinem Inneren ausgebildet sind, darin liegt der Schlüssel zu demjenigen, was jeweils mit dem Bösen gemeint ist. Vor vielen Jahren hat ein Textilhaendler in Irland mir erklärt, dass die Farbe Schwarz in 264 verschieden Schattierungen auftritt. Dasselbe trifft auf das Böse zu. Für jeden ist es genau dasjenige, das so fürchterlich ist, dass man es nicht beim richtigen Namen nennen darf .

Ich hatte in einem Seminar über Lernschwierigkeiten und ADHD, am Bert Hellinger

Institut in Groningen, Holland, das durch Bibi Schreuder begleitet wurde, zum ersten Mal in meinem Leben die Ehre anzuschauen und mit zu erleben, was das Böse in mir und meiner Familie bedeutet:

Seit ich in einer Lebens verändernden Familienaufstellung vor 10 Jahren das Schicksal meiner Mutter und Ihres Vaters sehen und miterleben durfte, beschäftigt mich die Dynamik zwischen Täter und Opfer. Obwohl ich mein ganzes Leben gewusst habe, dass mein Opa von Mutters Seite im zweiten Weltkrieg bei der Schlacht um Stalingrad gefallen war, habe ich nicht ansatzweise geahnt, wie tiefe Spuren sein Schicksal in mir und unserem Sohn hinterlassen hat. Jahrelang habe ich mich mit meinem Hintergrund auseinandergesetzt und nie ist mir aufgefallen, dass ich die Aussage : „Er ist im Krieg geblieben, bei Stalingrad gefallen“, immer als passive Handlung verstanden und empfunden habe.

Im Sprachgebrauch gab es nur diese passive Form. Auf der anderen Seite war mir nach der ersten Familienaufstellung sehr klar, dass er ein Täter war, schlussendlich war er ein Nazioffizier, der im Krieg etliche Opfer verursacht hat, wie viele seiner Kameraden auch, es war schließlich Krieg. Ich hab mich jahrelang immer wieder darüber gewundert, dass aus der Aufstellung ganz deutlich ersichtlich war, dass alle seine Opfer Frauen waren. Gewöhnlich sieht man in einer Aufstellung über den Krieg Soldaten, Offiziere und Opfer, die männlich sind. Soweit ich wusste, hatte mein Großvater auch nicht an Vergeltungsaktionen oder Vergewaltigungen teilgenommen.

Ich akzeptierte mein Mangel an Wissen und habe mir gedacht, dass auf dem Russlandfeldzug wohl, das eine oder andere unvorstellbar Grässliche passiert sein musste, bei dem auch Frauen umgekommen waren. Damals ließ ich es dabei. Meine Unwissenheit war vor ungefähr anderthalb Jahren zu Ende, als ich mir mit unserem Sohn einen Dokumentarfilm über die Schlacht um Stalingrad ansah. Seit er laufen und sprechen kann, hat unser Sohn eine deutliche Vorliebe für Waffen und Krieg, was uns als Eltern, beide überzeugte Pazifisten, immer wieder herausgefordert und gezwungen hat  freundlich auf diese Vorliebe zu schauen und eine angemessene

Art und Weise zu finden damit umzugehen. Unterdessen haben wir  große Bewunderung für diese zwei Leidenschaften im Leben unseres Sohns. Dass er, sowohl von Mutters- wie auch Vatersseite mit Ahnen verbunden ist, die durch den zweiten Weltkrieg stark beeinflusst und-oder schwer traumatisiert waren (wenn sie ihn überhaupt überlebt hatten), war mir als Mutter wohl bekannt, aber nicht im vollen Umfang seiner Bedeutung bewusst. Geschweige denn , dass ich auch nur eine Ahnung hatte, wie tief der Krieg in ihm und mir seine Spuren hinterlassen hat: bis in die Art und Weise seiner Wahrnehmung und wie sein Hirn funktioniert.

Weil unser Sohn so hartnäckig an seinem Interesse für Dokumentarfilme über den Zweiten Weltkrieg fest gehalten hat, lernten wir endlich mehr über das außergewöhnliche Schicksal meines  Großvaters : In diesem Film kam ein ganz neuer Aspekt des zweiten Weltkrieges zum Zuge, von dem wir bis dahin nichts wussten . Nicht nur Deutsche Veteranen berichteten , auch Russische. “Das Schlimmste war“ , erzählte ein Deutscher über achtzigjähriger Offizier „ dass die Russen eine ganze Division weibliche Soldaten und Offiziere aufs  Schlachtfeld schickten. Das Entsetzen unter den deutschen Soldaten und Offizieren war so groß, dass viele desertieren.“

Eine russische Veteranin erzählte, dass es eine bewusste Entscheidung der russischen Armeeleitung war, nur Frauen in dieser Schlacht einzusetzen, weil sie ganz genau wussten , was mit der Moral der deutschen Soldaten passieren  würde wenn sie herausfänden, gegen wen sie kämpfen mussten. Die Russen hofften, dass viele sich weigern würden gegen Frauen zu kämpfen und dass die russische Armee auf diese Art und Weise schneller siegen  würde.

Mann und Frau

Die Aufgaben von Frauen und Männern waren im Nationalsozialismus ideologisch ganz deutlich abgegrenzt. Vor allem die Mutterrolle war für Frauen von größter Wichtigkeit. Der Mann/Vater sorgte fürs Geld und war der Beschützer der Familie. Die Frau/Mutter hatte eine natürliche Gabe möglichst viele Kinder zu gebären und dem Volk insofern zu dienen, dass sie mithalf die arische Rasse zu verbreiten. „Die Frau muss schön sein und Kinder gebären. Der Mann sorgt für Nahrung und tötet den Feind“1. Vor allem das Letzte war das was mein Großvater nicht verstehen konnte. Er konnte es einfach nicht fassen , als er von Angesicht zu Angesicht mit den russischen Soldatinnen auf dem Schlachtfeld stand, dass es wirklich Frauen waren, die da kämpften. Für ihn war es nicht nur unvorstellbar sondern undenkbar, dass Frauen auch töteten. Frauen waren für das Leben geben zuständig. In seinem Weltbild war kein Platz für tötende Frauen, das hätte in seiner Vorstellung bedeutet, dass auch alle anderen Annahmen über Rollenverteilung, eigene Identität und was richtig und falsch war, so über den Haufen geworfen würden, dass von seiner eigenen Identität nichts mehr übrig geblieben wäre. Auf dem Schlachtfeld gibt es nur einen Modus operandi: ich töte den Feind, sonst tötet er mich.

Weil der Feind in diesen Falle ein Gegenüber war, das weder in die Kategorie Feind, geschweige denn in die Kategorie Frau passte, blieb meinem Großvater nichts anderes übrig als es als das Böse zu bezeichnen, etwas das mit ihm selbst nichts mehr zu tun hatte.

 

Weil die Repräsentantin der „Lernschwierigkeiten unseres Sohns” in der Aufstellung in Groningen zum Repräsentanten meines Großvaters sagte : „Du bist das Böse.” und der Repräsentant meines Großvaters darauf antwortete: „Nein, du bist das Böse“, gleichzeitig eine andere Repräsentantin die Bemerkung „Du musst alles unter Kontrolle halten” an  meine Repräsentantin richtete, konnte ich nur die Schlussfolgerung ziehen, dass die Lernschwierigkeiten jemanden repräsentieren mussten, der ein Leben genommen hat, nämlich das Leben meines Großvaters. Logisch eigentlich, wenn man miteinbezieht, dass sich das alles während der Schlacht um Stalingrad abgespielt hat, wo mein Opa gekämpft hat und  „gefallen ist“. Die Einsicht, dass er am Ende nicht nur ein Täter, sondern  zum Schluss selbst auch ein Opfer geworden war, war  für mich total neu und schlussendlich – trotz der darin liegenden Tragik – befreiend. Die Tatsache, dass jetzt endlich die ausgeschlossene Person in unserem System gesehen wurde, nämlich die unbekannte Täterin, die natürlich auch dazu gehört, hat zu dieser Befreiung wesentlich beigetragen. Weil mein Großvater so starr an seinem Glauben, geformt durch das Weltbild, die

Wertvorstellungen und Rollenbilder der nationalsozialistischen Gesellschaft, festgehalten hat konnte er die Frau, die ihn getötet hat nicht als Mitmenschen wahrnehmen. Sie wurde reduziert zum Begriff :  „Das Böse“. Genau so wie mein Großvater, durch die Augen der russischen Soldatin betrachtet, aufgewachsen mit der Indoktrination der russischen Kriegsmaschinerie und der dazugehörenden Ideologie, auch nur noch das Böse personifizierte. So blieben diese zwei Seelen miteinander verwoben, beeinflussten aus dem Totenreich meine Wahrnehmung, mein Verhalten, das Fühlen und Handeln unseres Sohns und die Interaktionen zwischen uns, weit über Ihren wirklichen Tod hinaus.

Dass der Repräsentant meines Großvaters und die Repräsentantin der

Lernschwierigkeiten sich nach Beendung der Aufstellung noch umarmten, wäre mir fast entgangen. Die Begleiterin der Aufstellung hat mir auf die Schulter getickt und mich darauf hingewiesen, dass sich hinter meinen Rücken noch etwas ganz Wichtiges abspielte. Dadurch konnte ich sehen und  fühlen, dass sich die zwei Seelen-zuerst noch in einander verdreht, auf den Fußboden sinkend- sich mit Hilfe der körperlichen Umarmung voneinander lösen konnten um jede für sich in die Erde fließend Ruhe zu finden.

Diese Bild und der Satz: „Frauen töten auch“ war mir in den Monaten nach der

Aufstellung eine große Hilfe. Jedes Mal, wenn ich wieder Schwierigkeiten mit dem Verhalten unseres Sohns erlebte, wiederholte ich den Satz und das Loesungsbild innerlich , wie ein Mantra.

Unterdessen haben sie sich in den Hintergrund zurueckgezogen. Ich habe in den Wochen nach der Aufstellung zu unserem Sohn gesagt, dass die Russen eine ganz wichtige Rolle in unserer Familiengeschichte gespielt haben.

Wir haben zusammen für die russische Soldatin und alle anderen Opfer eine Kerze angezündet und sie mit Demut gebeten freundlich auf uns zu schauen. Unsere Familie muss jetzt nicht mehr „im Krieg“ leben. Ich kann endlich unseren Sohn ohne Verstrickung seinen eigenen Weg gehen lassen, ihn auch ans Schulsystem überlassen und nur noch seine liebevolle Mutter sein.

Wir haben seither keinen einzigen Dokumentarfilm über den zweiten Weltkrieg mehr gesehen.

Wir haben unterdessen große Bewunderung für diese zwei Leidenschaften im Leben unseres Sohns. Dass er, sowohl von Mutters- wie auch Vatersseite mit Ahnen verbunden ist, die durch den zweiten Weltkrieg stark beeinflusst und-oder schwer traumatisiert waren (wenn sie ihn überhaupt überlebt hatten), war mir als Mutter wohl bekannt, aber nicht im vollen Umfang seiner Bedeutung bewusst. Geschweige denn , dass ich auch nur eine Ahnung hatte, wie tief der Krieg in ihm und mir seine Spuren hinterlassen hat: bis in die Art und Weise seiner Wahrnehmung und wie sein Hirn funktioniert. Seit 1945 ist es Frieden und doch hat der Krieg auch mich als Frau und Mutter auf der Seelenebene noch immer in seinem Bann. Nicht mehr würgend, wie in meinen ersten 30 Lebensjahren, aber er ist immer noch nachdrücklich anwesend.

Ich neige mein Haupt in Demut und bin dankbar, dass das Leben weitergegangen ist, im vollsten Verständnis, dass die Toten wie die Lebenden miteinander verwoben sind im bunten Teppich von allem was ist.

 

 

 

“Die Frau hat die Aufgabe schön zu sein und Kinder zu gebären, der Mann zorgt für

Nahrung und tötet den Feind ”{1}

Zitat aus: Schneider, Wolfgang: Frauen unterm Hakenkreuz, Hamburg 2003, S. 15.

 

 

 

 

 

 

Sabine Obermayr

About the Author

Sabine Obermayr

Ik ben een pro actieve mensen mens gespecialiseerd in out of de box oplossingen.Door mijn achtergrond in drama, filosofie, systemisch werk en Sjamanisme neem ik grotere verbanden waar, hoor ik het ongezegde en ben ik ondertussen expert in de verruiming van waarneming.Ik stel de vragen die openen, voorbij het zichtbare. Daarmee faciliteer ik verandering in vastgelopen situaties. In de persoonlijke sfeer, in teams en voor ondernemers.

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